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Rauhallista uutta vuotta 2026!
Do, 15.1.2026, 20 Uhr: Forum am Schlosspark, Ludwigsburg
Stephen Waarts & Bundesjugendorchester spielen unter Leitung von Anu Tali
Jean Sibelius: "Pohjolas Tochter" Sinfonische Fantasie op. 49
Felix Mendelssohn Bartholdy: Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64
Ouvertüre zu "Athalia" op. 74
Igor Strawinsky: "Der Feuervogel" Ballett-Suite (1945)
Anlässlich der "Zeit zwischen den Jahren" lesen Sie hier einen Beitrag, der im Mitgliedermagazin IKKUNA (Ausgabe 1/2023) veröffentlicht wurde.
Die Raunächte zwischen den Jahren
„Was hast du zwischen den Jahren gemacht?“ – diese Frage versteht man, auch wenn die Formulierung „zwischen den Jahren“ eigentlich unklar ist. Denn es ist ja nicht selbsterklärend, dass der Zeitraum von Weihnachten bis Silvester oder noch ins neue Jahr hinein gemeint ist. Würde man etwa auf Finnisch die Frage verstehen „Mitä teit vuosien välillä?“ – eher nicht, oder?
Wie die Redewendung „zwischen den Jahren“ entstanden ist, erklärt die Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. (GfdS) auf ihren Seiten folgendermaßen: „[Sie] hängt mit den unterschiedlichen Festlegungen des Jahreswechsels zusammen, die es bis in die frühe Neuzeit hinein gab: Nach dem römischen Kalender begann das neue Jahr zunächst am 1. März, wenn die hohen Beamten ihr Amt antraten. Im Jahr 153 geschah dies erstmals am 1. Januar, und fortan galt dieser Tag für das gesamte römische Reich als Jahresanfang. Die Christen begannen das Jahr hingegen zunächst am Tag der Taufe Jesu, dem 6. Januar; in der Mitte des 4. Jahrhunderts, als statt der Taufe die Geburt Jesu am 25. Dezember gefeiert wurde, verlegte man auch den Jahresanfang auf diesen Tag. Nach einigen Wechseln des Jahresanfangs im Mittelalter wurde der Neujahrstag 1691 für die christliche Welt schließlich auf den 1. Januar festgelegt. Obwohl es also eigentlich keinen Zeitraum ‚zwischen den Jahren‘ mehr gibt, hat sich die Redewendung bis heute gehalten. (Quellen: Lutz Röhrich: Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Freiburg 1992; Heinz Küpper: Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache, Stuttgart 1982.)“
Neben der Formulierung „zwischen den Jahren“ ist der gemeinte Zeitraum an sich ein bemerkenswerter, in dem es viele seltsame Bräuche zwischen Alpenraum und Skandinavien gibt. Das Schwedische kennt die Bezeichnung „mellandagarna“, wörtlich „Zwischentage“. An alle Muttersprachler unter den Leserinnen und Lesern geht hiermit die Frage, welcher besondere Ausdruck im Finnischen für diese Zeit existiert, wenn – wie aus dem Weihnachtslied „Tip tap, tip tap“ bekannt – Geister, Kobolde, Dämone und andere Gestalten anzutreffen sind.
In Finnland sind es tontut, in Estland tummeln sich päkapikud – Wichtel, die in der Regel dem Menschen freundlich gesonnen sind, wenn sie auch durchaus gelegentlich zu Schabernack aufgelegt sein können. Rauere Gestalten sind da schon die isländischen jólasveinar, 13 an der Zahl. Alle sind sie Kinder des Trollweibs Grýla, die am liebsten unartige Kinder frisst. Die jólasveinar kommen ab dem 12. Dezember aus den Bergen zu den Menschen. Erst einer, dann an jedem folgenden Tag ein weiterer, bis an amaðfangadagskvöld („Anfangstagsabend“ = Heiliger Abend) alle zusammen sind. Danach löst sich die Gruppe wieder auf: Bis zum þrettándinn („13. Tag/Heilig-Drei-König) geht täglich wieder einer weg.
Der Zeitraum Heiligabend bis Heilig-Drei-König wird im süddeutschen Raum auch als die „Zwölf Raunächte“ bezeichnet, in alter Rechtschreibung „Rauhnächte“, aber auch „Rauchnächte“. Das Adjektiv „rau(h)“ lässt unterschiedliche Deutungen zu: Zum einen mag es auf die kälteste und dunkelste Jahreszeit verweisen; „rau(h)“ konnte aber auch „rauchig“ bedeuten und somit könnte es an den alten Brauch erinnern, dass in dieser Zeit die Häuser zur Reinigung geräuchert wurden; ferner hat „rauh“ aber auch die Bedeutung „behaart“, „zottig“, wie sie sich bis heute im Begriff „Rauchwaren“ erhalten hat (womit ja nicht Tabak gemeint ist). In diesem Sinne lässt sich dann auch eine Verbindung zu den furchterregenden, in Fellen gehüllten Gestalten herstellen, die vor allem im Alpenraum in den Raunächten zu ihrer wilden Jagd aufbrechen. Wie auch immer – die Raunächte sind eine magische und zwielichtige Zeit um den Jahreswechsel. Zu ihrer Mitte, an Silvester, öffnet sich das Geisterreich und die Seelen der Verstorbenen haben Ausgang. Auch verbreiten Geister und Dämonen Schrecken und können Mensch und Tier gefährden.
Diese Vorstellungen ähneln stark denen im orthodoxen Raum. Swjatki, die zwölf Feiertage zwischen dem altrussischen Weihnachtsfest (7. Januar) und der Taufe des Herrn (19. Januar), sind auch hier eine Zeit, in der die Grenze zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Geister verschwimmt und böse Geister auf der Erde umhergehen; eine Zeit, die zum Wahrsagen besonders gut geeignet ist.
Entsprechende Bräuche haben sich bis heute erhalten oder wurden im Laufe der letzten Jahrzehnte wiederbelebt. Im deutschsprachigen Raum gibt es viele regionale Ausprägungen. So ziehen etwa im Bayerischen Wald Schreckgestalten und Hexen in den Raunächten durch die Straßen, meist Perchten genannt. Mit ihren Masken und Kostümen erinnern sie auch an die Hästräger der schwäbisch-alemannischen Fasnet und teilen sich mit diesen sicher ein gemeinsames Erbe.
Das Gespenstische und Unheimliche der Raunächte spiegelt sich auch in den „Arbermandln“ wider, den schneeverwehten Bäumen im Arbergebiet, denen die bayerische Schauspielerin und Kabarettistin Elfie Pertramer ein großartiges Denkmal gesetzt hat. Mit ihrem Text zu den Filmaufnahmen von Martin Lippl ist eine winterliche Kultsendung des Bayerischen Rundfunks entstanden.
Die Raunächte lassen sich heutzutage nicht nur als lokale Tradition touristisch vermarkten, sondern auch als Hilfestellung zur persönlichen Lebensbewältigung. Denn nach moderner Interpretation bieten sie den heutigen Menschen die Ruhe und Muße für eine Innenschau und Reflexion. Sie sind eine Zeit des Rückzugs, in der man sich den inneren Dämonen, den Schwächen und den unverarbeiteten Dingen aus der Vergangenheit stellt. Ein verbreitetes Ritual ist das der 13 Wünsche. Dazu schreibt man Wünsche auf einen Zettel, jeweils separat auf ein Papier, das gut gefaltet und aufbewahrt wird. In der letzten Raunacht werden dann zwölf der Zettel unbesehen ins Feuer geworfen in der Hoffnung, dass die guten Geister die enthaltenen Wünsche erfüllen mögen. Der auf dem übrig gebliebenen Zettel notierte Wunsch jedoch wird zur persönlichen Herausforderung fürs kommende Jahr. Die gilt es dann aus eigener Kraft selbst zu meistern.